BAUWENDE Wer heute durch eine deutsche Stadt läuft, sieht vor allem Gebäude. Wer genauer hinschaut, sieht etwas anderes: Beton, Stahl, Aluminium, Kupfer, Glas, Holz und Kunststoffe. Millionen Tonnen Rohstoffe, verbaut in Büros, Wohnanlagen, Universitätsgebäuden oder Schulen.

econo-Gastautorin Luise Sanders ist Projektmanagerin am Steinbeis Europa Zentrum. Sie begleitet europäische Forschungs- und Innovationsprojekte und verantwortet Kommunikations- und Verwertungsaktivitäten, insbesondere an der Schnittstelle von nachhaltiger Stadtentwicklung, Innovation und gesellschaftlicher Teilhabe. Mehr unter www.steinbeis-europa.de.

In diesem Perspektivwechsel könnte eine der größten Veränderungen der kommenden Jahrzehnte liegen. Denn die Bauwirtschaft beginnt, bestehende Gebäude zunehmend nicht mehr als fertige Bauwerke zu betrachten, sondern als Materiallager. Das hat wirtschaftliche Gründe. Rohstoffe werden teurer, Lieferketten anfälliger und die Anforderungen an nachhaltiges Bauen steigen. Gleichzeitig stehen in Europa Millionen Gebäude vor einer Sanierung. Die Frage lautet deshalb längst nicht mehr nur: Wie bauen wir künftig? Sondern auch: Was machen wir mit dem, was bereits gebaut wurde?

Noch dominiert das lineare Modell, das die Baubranche über Jahrzehnte geprägt hat. Rohstoffe werden gewonnen, verarbeitet, verbaut und irgendwann entsorgt. Doch dieses Prinzip gerät zunehmend unter Druck – nicht nur aus Klimaschutzgründen; auch wirtschaftlich wird es schwieriger, immer neue Ressourcen zu erschließen, während gleichzeitig große Mengen wertvoller Materialien als Abfall behandelt werden. Bau- und Abbruchabfälle machen einen erheblichen Teil des europäischen Abfallaufkommens aus. Viele der enthaltenen Materialien könnten jedoch weiter genutzt werden. Die eigentliche Zukunftsfrage lautet deshalb. Kann die Bauwirtschaft lernen, ihre eigenen Rohstoffe im Kreislauf zu halten?

Die Antwort darauf wird auch darüber entscheiden, wie schnell der Gebäudesektor seine Klimaziele erreichen kann. Schließlich ist der Gebäude- und Bausektor für rund 39 Prozent der weltweiten energie- und prozessbedingten CO₂-Emissionen verantwortlich. Gleichzeitig entstehen beim Bauen, Sanieren und Abreißen enorme Mengen an Bau- und Abbruchabfällen, die einen der größten Abfallströme Europas darstellen. Genau deshalb rückt das Thema Kreislaufwirtschaft zunehmend in den Fokus der europäischen Politik. Mit dem European Green Deal, dem Circular Economy Action Plan und neuen Anforderungen an Bauprodukte verfolgt die EU das Ziel, Materialien länger im Wirtschaftskreislauf zu halten und die Wiederverwendung von Baustoffen zu stärken. Was bisher als Abfall galt, könnte damit zu einer wichtigen Rohstoffquelle der Zukunft werden.

Warum die Kreislaufwirtschaft jetzt relevant wird

Jahrzehntelang lag der Fokus vor allem auf dem Energieverbrauch von Gebäuden. Heute verschiebt sich der Blick. Immer stärker rückt die „graue Energie“ in den Mittelpunkt, also die Emissionen und Ressourcen, die bereits bei Herstellung, Transport und Einbau von Materialien entstehen. Ein energieeffizientes Gebäude ist deshalb nicht automatisch nachhaltig, wenn für seinen Bau große Mengen neuer Rohstoffe benötigt wurden.

Durch clevere Steckverbindungen lassen sich die Holzelemente einfach montieren, demontieren und wiederverwenden.

Durch clevere Steckverbindungen lassen sich die Holzelemente einfach montieren, demontieren und wiederverwenden. Bild: Karlsruher Institut für Technologie

Das verändert die Perspektive auf bestehende Gebäude grundlegend. Ein Bürogebäude aus den 1970er-Jahren ist dann nicht mehr nur ein Sanierungsfall, sondern zugleich ein Lager aus wertvollen Rohstoffen. Um diese Potenziale künftig besser nutzbar zu machen, werden in vielen Ländern digitale Materialpässe und neue Dokumentationssysteme erprobt. Für Eigentümer, Investoren und öffentliche Einrichtungen eröffnet dies neue Perspektiven auf den langfristigen Wert von Immobilien.
Die Debatte über Kreislaufwirtschaft ist deshalb längst keine rein ökologische Diskussion mehr. Sie berührt Fragen der Versorgungssicherheit, der Wettbewerbsfähigkeit und der wirtschaftlichen Resilienz. Materialien, die bereits verbaut wurden, könnten künftig eine strategische Ressource darstellen, insbesondere vor dem Hintergrund volatiler Rohstoffmärkte und steigender Anforderungen an nachhaltiges Wirtschaften.

Neue Märkte statt neuer Abfälle

Veränderungen dieser Größenordnung betreffen selten nur die Technik, sie verändern ganze Märkte. So wie aus dem klassischen Energieversorger ein Anbieter von Energiedienstleistungen geworden ist, könnte sich auch die Rolle vieler Akteure am Bau verändern. Rückbau wird wichtiger als Abriss, und wer Materialien identifizieren, bewerten und wieder in den Markt bringen kann, erschließt neue Wertschöpfung. Gleichzeitig entstehen Chancen für digitale Plattformen, Materialdatenbanken, Zertifizierungsverfahren oder spezialisierte Beratungsdienstleistungen.
Damit sich zirkuläres Bauen durchsetzt, müssen funktionierende Märkte entstehen. Wer dokumentiert künftig Materialströme? Wer übernimmt die Aufbereitung rückgebauter Baustoffe? Und welche Geschäftsmodelle machen Wiederverwendung wirtschaftlich attraktiv? Mit genau diesen Fragestellungen beschäftigt sich das Steinbeis Europa Zentrum gemeinsam mit seinen europäischen Partnern. Ziel ist es, innovative Lösungen nicht nur zu entwickeln, sondern ihren Weg in die Anwendung zu unterstützen.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt das europäische Forschungsprojekt SIRCULAR (Sustainable and Integrated people centRiC solUtions for buiLding decArbonisation and circularity). Gemeinsam mit Partnern aus mehreren europäischen Ländern untersucht das Projekt, wie sich Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung im Gebäudesektor miteinander verbinden lassen. Die EU fördert das Projekt im Rahmen des Programms Horizont Europa mit sechs Millionen Euro für drei Jahre, von Juni 2024 bis November 2027.
Das Steinbeis Europa Zentrum leitet im Projekt die Kommunikations-, Verbreitungs- und Verwertungsaktivitäten. Ziel ist es, die entwickelten Lösungen sichtbar zu machen und ihren Weg in die Anwendung zu unterstützen. Dazu gehören die Kommunikation der Projektergebnisse, das Management geistiger Eigentumsrechte sowie der transnationale Technologie- und Wissenstransfer. So soll sichergestellt werden, dass die im Projekt entwickelten Ansätze langfristig von Unternehmen, öffentlichen Einrichtungen und weiteren Akteuren der Bauwirtschaft genutzt werden können.

Karlsruhe als Reallabor für die Bauwirtschaft von morgen

Wie sich die großen Veränderungen der Branche in der Praxis auswirken könnten, wird derzeit unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) untersucht. Dort befindet sich einer der Demonstrationsstandorte Projekts.
Das ausgewählte Gebäude auf dem Campus des KIT wurde 1970 errichtet und wird bis heute von der Fakultät für Bauingenieurwesen genutzt. Es steht beispielhaft für zahlreiche öffentliche Gebäude in Deutschland: funktional, robust und über Jahrzehnte kontinuierlich genutzt, gleichzeitig aber mit erheblichem Modernisierungsbedarf im Hinblick auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Genau diese Übertragbarkeit macht den Standort für das Projekt besonders interessant. Die hier gewonnenen Erkenntnisse sollen nicht nur für Karlsruhe nutzbar sein, sondern auch für viele vergleichbare Hochschul-, Verwaltungs- oder Bürogebäude in Europa.

Im Rahmen von SIRCULAR werden unterschiedliche Ansätze untersucht, wie sich Sanierung, Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft besser miteinander verbinden lassen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Baumaterialien oder technische Lösungen. Vielmehr steht die Frage im Mittelpunkt, wie Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg nachhaltiger geplant, modernisiert und genutzt werden können.
Eine wichtige Rolle spielen dabei digitale Werkzeuge. Sie sollen künftig dabei helfen, die Auswirkungen von Renovierungsmaßnahmen besser zu bewerten und fundierte Entscheidungen über Materialeinsatz, CO₂-Emissionen oder Kreislaufpotenziale zu treffen. Langfristig könnten solche Werkzeuge Planungs- und Sanierungsprozesse deutlich verändern. Wo heute häufig Einzelentscheidungen getroffen werden, könnten künftig umfassende Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes zur Verfügung stehen.

Altholz als Baustoff der Zukunft

Interessant ist dabei, dass die Zukunft des Bauens nicht ausschließlich in Forschungslaboren oder Ingenieurbüros diskutiert wird. Auch Studierende werden aktiv in den Entwicklungsprozess einbezogen.
Wie die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft praktisch umgesetzt werden können, zeigt sich nicht nur in Forschungslaboren, sondern auch in der Lehre. Im Rahmen von SIRCULAR beschäftigen sich Studierende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im Seminar „Zirkuläres Bauen mit Altholz“ mit einer zentralen Frage der Bauwende: Wie lassen sich bestehende Materialien so nutzen, dass sie nach dem Rückbau nicht zu Abfall, sondern zu Baustoffen für neue Gebäude werden?
Ausgangspunkt war gebrauchtes Holz aus Rückbauprojekten. Die Studierenden analysierten, sortierten und bewerteten das Material und entwickelten daraus einen neuen Wand- und Fassadenaufbau für ein Bestandsgebäude auf dem KIT-Campus. Anschließend wurde der Entwurf im Maßstab 1:1 umgesetzt. Der Weg des Materials vom Rückbau bis zum Wiedereinbau wurde damit praktisch nachvollziehbar.

Das Seminar verdeutlicht, worum es bei der Kreislaufwirtschaft letztlich geht. Materialien möglichst lange im Nutzungskreislauf zu halten und bestehende Gebäude als Rohstoffquellen zu begreifen. Gleichzeitig zeigt es, dass der Wandel der Bauwirtschaft nicht allein durch neue Technologien erfolgt, sondern auch durch neue Denkweisen und Qualifikationen. Die Bilder aus dem Seminar zeigen deshalb mehr als studentische Projektarbeit. Sie zeigen im Kleinen, wie die Bauwirtschaft der Zukunft funktionieren könnte; mit wiederverwendeten Materialien, neuen Planungsansätzen und einem veränderten Verständnis von Gebäuden als Materialbanken.

Von der Forschung in die Praxis

Ob Gebäude künftig tatsächlich zu Materialbanken werden, hängt nicht allein von technischen Innovationen ab. Entscheidend wird sein, ob wirtschaftliche Anreize, politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Akzeptanz zusammenfinden.
Die Richtung ist jedoch klar. Ressourcen sollen länger genutzt, Emissionen reduziert und Wertstoffe möglichst im Kreislauf gehalten werden. Für die Bauwirtschaft bedeutet dies einen tiefgreifenden Wandel. Für das Steinbeis Europa Zentrum liegt genau hier die Herausforderung; innovative Lösungen beim Übergang von der Forschung in die Praxis zu begleiten.

Projekte wie SIRCULAR zeigen, wie Kreislaufwirtschaft und Dekarbonisierung gemeinsam vorangetrieben werden können. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass die Transformation des Gebäudesektors nicht allein auf Baustellen oder in Laboren stattfindet. Sie entsteht im Zusammenspiel von Forschung, Unternehmen, öffentlichen Akteuren und zukünftigen Fachkräften. Genau diese Verbindungen zu schaffen und neue Entwicklungen frühzeitig in die Anwendung zu bringen, gehört zu den zentralen Aufgaben des Steinbeis Europa Zentrums.