IM GESPRÄCH Zwei Männer, zwei Städte – eine Vision für die Region: Mathias Schiemer aus Heidelberg und Bastian Fiedler aus Mannheim wollen Heidelberg und Mannheim gemeinsam als leistungsfähige Kongress- und Tourismusdestination orchestrieren – so, dass ein Miteinander messbare Wertschöpfung für die Metropolregion Rhein-Neckar erzeugt. Warum und wie das gelingen soll und schon gelingt, erzählen sie im Gespräch mit econo.
Wer in der Metropolregion Rhein Neckar über Kongresse spricht, spricht über Wirtschaft – und über eine sehr konkrete Frage: Wie bleiben Städte der Region hierfür relevant, wenn die Wettbewerber längst nicht mehr nur Frankfurt, München oder Berlin heißen, sondern Barcelona, Kopenhagen oder Wien? Zwei Geschäftsführer, zwei Stadtcharaktere – und dennoch dieselbe Schlussfolgerung, die sie einander wie einen gut getimten Pass zuspielen: Allein ist man gut. Gemeinsam ist man besser und konkurrenzfähiger.
Mathias Schiemer steht in Heidelberg sichtbar in einer Doppelrolle: Seit elf Jahren führt er mit großem Erfolg die Heidelberg Marketing GmbH, seit acht Jahren zudem die Kultur & Kongress GmbH mit. Als Kultur- und Kongressmacher arbeitet er an einer neuen Kongressidentität zwischen Altstadtromantik und Bahnstadt-Zukunft. Als Touristiker denkt er konsequent vom Erlebnis her – und von der Frage, wie aus einem Aufenthalt mehr wird als die klassische Postkartenroute.
Bastian Fiedler wiederum verantwortet mit der m:con – mannheim:congress GmbH ein Unternehmen in Mannheim, das sich selbstbewusst als „lokaler Player“ versteht und zugleich nationale Strahlkraft beansprucht: erfolgreiche Betreiberin des Congress Centers Rosengarten, Kongressagentur mit bundesweiten Projekten und Entwicklerin eigener Formate.
Zwischen beiden Städten liegen in direkter Luftlinie 17,35 Kilometer – eine Distanz, um den Alltag getrennt zu erleben und gleichzeitig bewusst Nähe zu schaffen. Für das econo-Gespräch wird symbolisch „ein Treffpunkt in der Mitte“ gesucht, die Wahl fällt auf den malerischen Weiler Grenzhof. Im Gastgarten des idyllisch gelegenen Tagungshotels mit Café und Restaurant sitzt es sich gemütlich bei einem kühlen Getränk. Ein Ort, der weder Heidelberg-Pose noch Mannheim-Tempo ist, sondern schönster Zwischenraum. Dass dieser Zwischenraum formal zu Heidelberg gehört (Ortsteil Wieblingen), gefällt natürlich Mathias Schiemer besonders. Klar wird da kurz in Richtung des Mannheimer Kollegen mal gefrotzelt. Das gehört zum Gespräch, aber es verstellt nicht den Blick auf das Wesentliche: Hier sitzen zwei Macher, die unterschiedliche Gesellschaften in verschiedenen Städten führen, sich kennen und respektieren – und die überzeugt sind, dass die Metropolregion nur dann gewinnt, wenn sie ihre Grenzen nicht ständig betont.
Verschieden – und gerade deshalb kompatibel
„Heidelberg und Mannheim sind eigentlich grundverschieden“, sagt Schiemer. „Und deshalb macht uns das Ganze so charmant.“ Er holt aus, geht in die Nachkriegsgeschichte beider Städte und beschreibt daraus gewachsene Mentalitätsunterschiede: Mannheim habe sich nach der Zerstörung neu erfinden müssen. „Die hatten nichts mehr gehabt. Und das merkt man bis heute, dass der Mannheimer oftmals offener ist für neue, andere Dinge.“ Heidelberg dagegen sei lange in der komfortablen Situation gewesen, Veränderung weniger dringend zu brauchen: „Wir brauchen keine Veränderung, uns geht es doch gut.“ Dies ist oft zu hören von Ur-Heidelbergern.
Fiedler nimmt die Vorlage auf – und kontert mit Humor: „Wir haben einen Fluss mehr als die Heidelberger.“ Mannheim liegt an Rhein und Neckar, Heidelberg „nur“ am Neckar. Dann schiebt er sofort nach, was den Ton des Gesprächs prägt: Anerkennung ohne Unterwürfigkeit. Heidelberg sei schöner, habe den internationaleren Ruf und profitiere davon, gerade bei internationalen Kongressprojekten. Gleichzeitig wünscht sich Fiedler für Mannheim mehr Selbstbewusstsein: Was in Heidelberg manchmal als Arroganz gelesen werde, sei oft schlicht ein starkes Bewusstsein für Qualität.
Als es um Heidelbergs studentisches Flair geht – Untere Straße, Universität, Nachtleben – kratzt das Gespräch kurz an der Lokalpolitik. Schiemer nennt die frühe Sperrstunde in der Unteren Straße „befremdlich“ für eine Universitätsstadt mit 40.000 Studierenden. Es ist einer dieser Momente, in denen sichtbar wird: Beide reden nicht über Kooperation als PR-Formel, sondern vor dem Hintergrund realer Zielkonflikte.
Sparzwang als gemeinsamer Nenner
Schnell landet das Gespräch bei einem Thema, das beide Städte verbindet: Sparzwänge. Heidelberg habe über Jahrzehnte mit ausgeglichenen Haushalten gearbeitet, sagt Schiemer. Jetzt verändere sich die Lage radikal. Zusätzliche kommunale Aufgaben, steigende Energie-, Sicherheits- und Personalkosten sowie die angespannte Finanzlage vieler Städte führten dazu, dass überall gespart werde. „Baden-Baden, Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg: Alle sind im Grunde blank.“
Für Heidelberg Marketing hat das konkrete Folgen. Schiemer berichtet, dass seine Gesellschaft eine Million Euro aus dem laufenden Bestand an die Stadt zurückgegeben habe. Gleichzeitig seien die Zuschüsse gekürzt worden. Der Tourismus laufe – und trotzdem gelte: „Jeder muss aus seinem Portemonnaie etwas rausgeben.“ In einer Stadt, die lange nicht an harte Einschnitte gewöhnt gewesen sei, sei das besonders schwer zu vermitteln.
Schiemer argumentiert wie ein Wirtschaftsförderer: Heidelberg Marketing erwirtschafte Einnahmen etwa über Merchandising, Weihnachtsmarkt sowie Veranstaltungen und verantwortet Formate wie Heidelberger Herbst und Schlossbeleuchtung. Die wirtschaftlichen Effekte sind erheblich: Allein die Weihnachtsmärkte bringen über eine Million Besucherinnen und Besucher in die Stadt; nach Hochrechnungen generieren sie mehr als 40 Millionen Euro Wertschöpfung. Heidelberger Herbst und Schlossbeleuchtungen (zwei Mal) verzeichnen 160.000 und Sommer am Fluss 170.000 Gäste. Mehr als 67 Millionen Euro stehen damit auf der Gesamtausgabenseite der Besucher. Das sind Gesamtsteuerausgaben von fast 11,5 Millionen Euro, wovon der kommunale Anteil etwa 3,7 Millionen Euro beträgt. Auch Regionalität ist für ihn Teil des Modells: Aufträge an lokale Handwerksbetriebe im sechsstelligen Bereich, regionale Lieferketten und nachhaltige Produkte. „Auf dem ganzen Weihnachtsmarkt in Heidelberg gibt es nur nachhaltigen Glühwein aus der Region“, lässt Schiemer hier tiefer ins Konzept schauen. Im Heidelberger Weindorf würden in zwölf Tagen mehr als 10.000 Flaschen Wein von Heidelberger Winzern verkauft.

Erlebnis: die Schlossbeleuchtungen in Heidelberg. Bild: Heidelberg Marketing/Udo Filsinger
Schiemer spricht hier aus seiner Doppelrolle: als Verantwortlicher für Tourismus und Stadtmarketing einerseits, als Mitgeschäftsführer der Kultur- und Kongressgesellschaft andererseits. Für ihn ist klar: Kultur, Kongresse und Tourismus sind keine getrennten Welten. Sie erzeugen gemeinsam Frequenz, Übernachtungen, Umsätze und Standortattraktivität. „Wir sind im Grunde in den letzten Jahren einer der größten Wirtschaftsförderer in Heidelberg geworden.“ Dazu kommen ja noch die zweistelligen Millionenumsätze von 60.000 Kongressteilnehmern im vergangenen Jahr.
m:con setzt auf Ausbau des Agenturbereichs
Mannheim kennt den Sparmodus ebenfalls, sagt Fiedler – die Kultur treffe es besonders. Die m:con habe mehr als 500.000 Euro beim Betriebskostenzuschuss einsparen müssen. „Das ist in unserem Modell anders als bei Mathias, weil wir als Eigentümerin der Immobilie auch etwas anders aufgestellt sind und den Tourismus nicht bei uns haben“, wägt Fiedler ab und verdeutlicht das Drei-Säulen-Modell der m:con: das Congress Center Rosengarten als Veranstaltungsort, das bundesweite Agenturgeschäft sowie der Entwicklung eigener innovativer Veranstaltungsformate wie das Zukunftsforum Medizinkongress, die Leadership Lounge für Corporate Business und das Female Network Breakfast. Darüber hinaus engagiert sich die m:con als Unterstützerin des Projektes „Dein Festmahl Mannheim“ des Freundeskreises Rosengarten e. V. und schafft damit neue Plattformen für Austausch, Wissenstransfer und gesellschaftlichen Dialog.
In Zahlen verankert: Im Jahr 2025 fanden insgesamt 377 Veranstaltungen mit mehr als 322.000 Besucherinnen und Besuchern im Rosengarten statt. Das allein brachte 19,1 Millionen Euro bei einem Gesamtumsatz von 36,5 Millionen Euro ein. Weitere 15,3 Millionen Euro wurden im Agenturgeschäft mit Veranstaltungen an externen Veranstaltungsorten erwirtschaftet.
„Im vergangenen Jahr organisierte die m:con rund 50 Veranstaltungen bundesweit. In den vergangenen 15 Jahren war sie in mehr als 30 Städten aktiv, darunter Berlin, Hamburg und Leipzig“, nennt Fiedler Veranstaltungen für die Deutsche Diabetes Gesellschaft sowie den Hauptstadtkongress als Beispiele, deren Ausrichtung der m:con bis 2030 beziehungsweise 2029 weiter unterliegt. Zu den Agenturprojekten zählen unter anderem auch Hauptversammlungen etwa der Bilfinger SE und der Brenntag SE. Die Vertragsverlängerungen der Hauptversammlung mit der BASF 2028 im Rosengarten ist zudem genauso fixiert wie die mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin auf fünf Jahre und für 2027/2028 die Ausrichtung der HipHop Meisterschaften der Deutsche Tanzlehrer- und HipHop-Tanzlehrer Organisation (DTHO) im Congress Center in Mannheim. Auch die herausragenden Projekte Guitar Summit und Animagic sind bis 2029/30 festgelegt. Zum Portfolio gehören außerdem internationale Projekte wie die European Microwave Week sowie die weltweit ausgerichteten Fortbildungsveranstaltungen der IPOKRaTES Foundation.

Die m:con – mannheim:congress GmbH hat sich als Agentur für medizinische und wissenschaftliche Großkongresse in Deutschland einen Namen gemacht. Dazu gehört das Zukunftsforum Medizinkongress, das wieder am 1. Dezember im Rosengarten stattfindet. Archivbild: Moritz Schleiffelder/m:con
Auch künftig setze die m:con auf Wachstum ihres Agenturgeschäfts sowohl in der Region als auch bundesweit. „Mit dem konsequenten Ausbau unseres Agenturgeschäfts, unserer Kompetenz bei Medizinkongressen und neuen Formaten stärken wir unsere nationale Strahlkraft und unseren Beitrag als Wirtschaftsunternehmen für die Region. Möglich ist dieser breite und anspruchsvolle Dienstleistungsansatz nur dank unserer innovativen, engagierten und serviceorientierten Mitarbeitenden. Genau in dieser Position und mit diesem Selbstverständnis möchten wir in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden“, betont Fiedler. Er verweist dabei auf eine gemeinsam mit dem Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Institut für Fremdenverkehr (dwif) im Jahr 2025 durchgeführte Studie, die die hohe wirtschaftliche Bedeutung der m:con für Mannheim und die Metropolregion Rhein-Neckar belegt. Die Untersuchung zeigt, dass die Aktivitäten der m:con einschließlich ihrer Vorleistungen sowie der Ausgaben von Veranstaltungsgästen einen Bruttogesamtumsatz von 72,9 Millionen Euro auslösen – 46,7 Millionen Euro seitens der m:con, 26,2 Millionen Euro seitens der Gäste. Allein aus Mehrwert- und Einkommenssteuer resultierten 6,5 Millionen Euro plus Gemeinde-, Grund- und Gewerbesteuer. Wie in Heidelberg ist auch die regionale Wertschöpfung stark: 63,2 Prozent der von der m:con vergebenen Vorleistungen entfallen auf Unternehmen und Gesellschaften aus Mannheim und der Region.
Kultur regional denken – auch wenn es weh tut
Was beide umtreibt, ist die Frage, ob Kultur in einer Metropolregion noch sinnvoll in Stadtgrenzen organisiert wird. Fiedler nennt das Nationaltheater Mannheim als Beispiel – und formuliert vorsichtig, weil er die Emotionalität des Themas kennt: Warum müssen zwei Kommunen mehrere Millionen Euro in Oper und Theater stecken (Heidelberg: 30 Millionen Euro, Mannheim 35 Millionen Euro plus Landeszuschüsse)? Warum überlegt man bei solchen Projekten nicht regional differenzierter – Theater hier, Oper dort? „Es gibt Argumente für das Modell, wie man es jetzt hat. Es gibt aber auch viele Argumente dafür, dass man anstatt über ein Vierspartenhaus über ein Dreispartenhaus sprechen kann“, sagt er wohlwissend, dass Oper, Theater, Ballett sowie Kinder- und Jugendangebote unterschiedliche Zielgruppen und Kostenstrukturen haben und hier Arbeitsplätze dranhängen. Und gerade das Kinderangebot müsse bleiben, betont Fiedler: „Wir wollen ja auch die neuen Generationen an das Thema heranführen.“
Sein Punkt ist ein anderer: Warum wurde bei der Sanierung und bei Ausweichspielstätten nicht früher und entschlossener regional gedacht – und gehandelt? Warum nicht den Pfalzbau Ludwigshafen, den Rosengarten oder weitere Häuser konsequent in ein gemeinsames Kulturkonzept einbeziehen? „Dann hieß es immer: Der Mannheimer fährt nicht nach Ludwigshafen und geht nicht in den Pfalzbau. Das ist doch Blödsinn?“ Der Mannheimer fahre schließlich auch zu einem Konzert in das neu renovierte Konzerthaus oder zum Basketball nach Heidelberg, während Heidelberger nach Mannheim zu Comedy-Auftritten ins Capitol und zum Eishockey in die SAP Arena kämen. Ein solcher Denkansatz hätte Geld gespart und den Metropolregionsgedanken gestärkt. „Diese Grenzen, auch im kulturellen Bereich, müssen wir in den Köpfen überwinden“, sagt Fiedler. Mit der Initiative „Kultur rechnet sich“ wirbt die m:con dafür, Kultur nicht allein als Ausgabe zu betrachten, sondern auch als wirtschaftliche und gesellschaftliche Investition.
Kongressfonds: Wettbewerbsfähigkeit als politische Aufgabe
Schiemer greift das auf und erweitert den Kulturbegriff. „Bei mir heißt Kultur auch Sport, und bei mir gehören auch Schausteller dazu“, nennt er die seit März als Immaterielles Kulturerbe der UNESCO geführte Schaustellerkultur auf Volksfesten, die auf eine über 1.200 Jahre alte Tradition zurückblickt. Der Satz markiert eine Haltung, die Kooperation nicht als „Hochkultur-Club“ versteht, sondern als Standortstrategie über viele Zielgruppen hinweg. Kultur müsse eben breit gedacht werden: von kleinen Veranstaltern bis hin zu den Big Playern über das Philharmonische Orchester und den Heidelberger Frühling bis zu Enjoy Jazz oder Sportveranstaltungen. „Alles, was Qualität nach Heidelberg bringt, ist gewollt. Auch die Kleinen sind im Fokus. Denn die werden vielleicht auch mal groß.“
Fiedler sieht darin keinen Widerspruch. Auch in Mannheim werde Sport unter Kultur mitgedacht. Zugleich bringt er einen weiteren Gedanken ins Spiel: Kongressfonds. Bayern arbeite mit einem Fonds von 25 Millionen Euro, auch Berlin und Hamburg verfügten über ähnliche Instrumente. Für Baden-Württemberg sei in dieser Richtung bereits geworben worden – bislang mit begrenztem Erfolg. Ein regionaler Fonds, so Fiedler, könnte Kongresse, Sport- und Kulturveranstaltungen unterstützen. Denn alle schafften Wertschöpfung, wenn auch in unterschiedlicher Größenordnung.

Das architektonisch markante Heidelberg Congress Center befindet sich ideal gelegen gegenüber dem Hauptbahnhof und verfügt über ein flexibles Raumkonzept. Bild: Heidelberg Marketing
Vor allem würde er im internationalen Wettbewerb helfen, verweist er beispielsweise auf Barcelona. Die spanische Metropole werbe mit steuerlichen Vergünstigungen für Kongresse. „Ein solcher Fond hilft bei der Deckung von Kosten für Organisation, Teilnahme, Reisekosten und Unterbringung, fördert den Austausch von Wissen und Ideen, unterstützt die berufliche Entwicklung und stärkt die Forschungsgemeinschaft“, nennt Fiedler Vorzüge und betont: „Er kann sich positiv auf die Entscheidung bei der Auswahl eines Veranstaltungsortes auswirken.“
Dabei sei es sinnvoll, Veranstaltungsorte in der Region nicht als Konkurrenz zu behandeln – egal, ob Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen oder Frankenthal. Die m:con habe als Agentur bereits einen Kongress in Heidelberg mit Teilnehmenden aus mehr als 50 Ländern organisiert. Die Veranstaltung sollte bewusst in Heidelberg stattfinden, weil der internationale Ruf der Stadt ein Vorteil sei. Entscheidend sei dann nicht, wer den Zuschlag auf dem Papier bekomme, sondern dass die Veranstaltung in der Region bleibe. „Es ist egal, wo es stattfindet, Hauptsache, es findet in der Region statt“, so Fiedler.
Gästeführer von 1913 empfiehlt: „Besuchen Sie das Umland“
Das ist der Kern des Gesprächs. Schiemer beschreibt ihn aus touristischer Sicht. Heidelberg lebe stark vom übernachtenden Gast. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer liege bei rund zwei Übernachtungen, in Mannheim bei 2,6 – auch, weil Kongresse dort oft mehrere Tage dauerten. Schie-mers Ziel ist keine reine Mengensteigerung. „Ich glaube nicht, dass wir 2,6 schaffen, aber vielleicht irgendwann 2,3 Übernachtungen im Schnitt.“
Der CEO von Heidelberg Marketing warnt zugleich davor, Tagesbesucher als „Tagestouristen“ zu bezeichnen. „Ich bin auch Tagestourist, wenn ich am Wochenende in die Pfalz fahre und im Weingut am Nil meinen Wein trinke.“ Heidelberg habe daher 13 Millionen Tagesbesucher. Dazu zähle auch der Mannheimer, der in Heidelberg Freunde treffe oder einkaufe.
Entscheidend sei, Gästen die gesamte Region zugänglich zu machen: „Ich muss doch einen Strauß an Vielfältigkeit bieten für den Menschen, der über Nacht nach Heidelberg kommt.“ Wer zwei Tage in der Stadt bleibe, gehe aufs Schloss, über die Alte Brücke und durch die Fußgängerzone. Danach brauche er weitere Angebote. „Bei schlechtem Wetter schicke ich ihn nach Sinsheim in die Bäderwelt oder ins Technik Museum. Ich schicke ihn aber auch nach Mannheim in die Kunsthalle oder nach Speyer in den Dom.“ Wichtig sei nur, so Schiemer, dass die Gäste abends wieder in die eigenen Hotels zurückkehrten.
Das sei keine neue Idee. In einem Gästeführer aus dem Jahr 1913 habe er bereits den Satz gefunden: „Besuchen Sie auch das Umland.“ Irgendwann sei dieses Denken verlorengegangen, weil man befürchtet habe, der Gast könne – überspitzt formuliert – nach einem Abstecher „in die verbotene Stadt“ nicht zurückkommen. Schiemer bekräftigt seine Gedanken: „Das Gleiche machen wir doch im Urlaub auch. Wenn wir nach Nizza fahren, bleiben wir doch auch nicht an einem Ort, sondern suchen uns das raus, worauf wir in der Region Lust haben. Und im Endeffekt ist das hier nichts anderes.“ Die Infrastruktur mit Blick auf Bus, S-Bahn, Auto und Fahrrad („wenn es den Radschnellweg dann mal gibt“) ist vorhanden.
Fiedler nennt die Grenzdebatte „komplett veraltet“ und übersetzt das Prinzip in die Standortlogik der Kongresswirtschaft: Mannheim punktet mit Hauptbahnhof, Logistik, Kongresserfahrung; Heidelberg mit Internationalität, Wissenschaft, Kulissen und touristischer Strahlkraft. Kooperation heißt dann nicht: zwei Logos auf einem Flyer. Sondern: das richtige Haus für das richtige Format – und gemeinsame Vermarktung nach außen.
Medizin, KI, Wissenschaft: Wo Wachstum realistisch ist
Als Zukunftsthemen kristallisieren sich KI, Start-ups und Wissenschaft heraus. „KI-Konferenzen werden für uns beide ein ganz großes Thema werden“, sagt Fiedler. Heidelberg verfüge über eine starke Gründerszene, Mannheim über eigene Kreativ- und Innovationskraft. Schiemer verweist auf Auszeichnungen Heidelbergs, etwa als Fairtrade City sowie im Umfeld junger Unternehmen. In der Bahnstadt sei die Dynamik sichtbar: Ein kleines Unternehmen sei in wenigen Jahren auf rund 400 Beschäftigte gewachsen.
Gleichzeitig warnt er vor Selbstzufriedenheit. Andere Standorte investieren aggressiv, etwa Heilbronn. Hier werden durch die Schwarz-Gruppe Milliarden investiert und mit der TU München entstehen neue Wissenschaftsstrukturen. Fiedler ergänzt: Mäzenatentum und privates Engagement für das Gemeinwohl würden künftig noch wichtiger. In der Region gebe es dafür starke Beispiele – von Manfred Fuchs über Dietmar Hopp bis hin zu Wolfgang Marguerre sowie großen Stiftungen.

Die m:con – mannheim:congress GmbH bringt seit mehr als 16 Jahren Wirtschaft und Medizin für die Neuroblastom-Forschung in Mannheim zusammen. Mitte Juli wurde hierfür ein Charity-Golfturnier in St. Leon-Rot und am Abend im Congress Center Rosengarten eine Veranstaltung unter dem Motto „Weltraum & SciFi“ ausgerichtet. Neben der Siegerehrung der besten Golfer sowie vorzüglichem Essen gab es spannende Panels zu den Themen Sport und KI in der Medizin, moderiert von m:con-Geschäftsführer Bastian Fiedler und Katja Bauroth, Head of Content bei econo – die beide im Raumanzug auf die Bühne kamen. Am Ende konnten 45.000 Euro an die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Mannheim übergeben werden. Bild: Wiebke Fuchs/m:con
Die vielleicht größte gemeinsame Chance sehen beide in der Medizin: Der Klinikverbund Heidelberg–Mannheim verbindet zwei starke Standorte enger. Für Fiedler ist das ein kongresswirtschaftlicher Hebel: Internationale medizinische Tagungen mit 500 bis 1.000 Teilnehmenden passen ins Heidelberg Congress Center; Mannheim bleibt mit Rosengarten und Agenturkompetenz stark – insbesondere bei größeren Formaten und Industrieausstellungen.
Ein Beispiel zeigt, wie brutal der Wettbewerb ist: die Bewerbung um den Weltkongress der Schlaganfallforschung. Mannheim war im Rennen gegen Mailand, Madrid und Barcelona – den Zuschlag erhielt Barcelona, unter anderem wegen genannter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen.
Wenn beide die Vision für das Kongressgeschäft formulieren müssten, wie würde dies lauten? „Wir wollen einer der attraktivsten Kongressstandorte Deutschlands sein“, sagt Schiemer. Und attraktiv werde ein Standort auch dann, wenn er glaubwürdig Kooperation vorlebe. „Mit dem Attraktivitätsmerkmal könnte ich mich auch identifizieren“, so Fiedler. „Und ich glaube, auch da könnten wir es noch konkretisieren und wirklich unsere Spitzenmedizin mit hervornehmen. Denn man muss fairerweise sagen, dass es Standorte wie Berlin gibt, die aufgrund der Hauptstadtfunktion und gesundheitspolitischen Aspekte durchaus präsenter sind. Daher würde ich formulieren: Wir wollen der attraktivste Kongress- und Medizinstandort Deutschlands sein.“
Heidelbergs weltweite Bekanntheit könnte dabei eine Magnetfunktion einnehmen. „Wenn man im Ausland Heidelberg sagt, hat jeder dazu eine Verbindung.“ Die lange Präsenz der US-Armee habe die Stadt international sichtbar gemacht, hinzu kämen Universität, Wissenschaft und Schloss. Aber Touristiker Schiemer bleibt bei den praktischen Problemen: Heidelberg brauche dringend bessere Busparkplätze und Park-and-Ride-Angebote. „Wir haben keinen richtigen Busparkplatz.“ Ein Investor sei bereit, ein Projekt in Autobahnnähe mit umzusetzen. Dort könnten auch E-Busse und neue Mobilitätsangebote berücksichtigt werden. Der Ball liege beim Gemeinderat.
Innenstädte unter Druck – und verpasste Chancen
Auch die Innenstadtentwicklung beschäftigt beide. Mannheim verliere in Teilen an Attraktivität, sagt Fiedler. Der Einzelhandel stehe unter Druck. Neue Formate wie ein Late Night Shopping im Umfeld großer Kongresse könnten helfen, Kongressgäste stärker in die Innenstadt zu holen – „Gespräche dazu laufen.“
Ein sportliches Großereignis macht die Lücke sichtbar: die Eishockey-WM 2027 und die SAP Arena Mannheim als Austragungsort neben Düsseldorf. Gäste wollten nicht nur Spiele sehen, sondern die Region erleben – inklusive Heidelberg. Fiedler hinterfragt selbstkritisch, ob es dafür bereits gute gemeinsame Pakete gibt. Seine Antwort: noch nicht ausreichend. „Da verpassen wir was.“
Schiemer erwartet zudem veränderte touristische Ströme. Klimawandel, teure Skiurlaube ohne Schnee, unsichere Fernreisen und die wirtschaftliche Lage könnten Städtereisen stärken. Wenn Winterurlaube in den Bergen wegen Schneemangels an Attraktivität verlören, könnten Januar, Februar und März für Städte wie Heidelberg und Mannheim interessanter werden. „Wir müssen uns auf andere Strukturen einstellen.“
Zusammenarbeit, die längst läuft – und noch Potenzial hat
Am Ende wird klar: Zusammenarbeit ist keine Vision im Konjunktiv, sie passiert längst – oft unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Fiedler erzählt, dass die m:con seit 15 Jahren die Ruperto-Carola-Sommernacht der Universität Heidelberg umsetzt und bei Exzellenzcluster-Bewerbungen technisch unterstützt. Für beide ist das normal: Im Markt gebe es genug Geschäft – entscheidend sei, wer für welche Aufgabe der passende Partner ist. Auch bei Abendveranstaltungen für große Kongresse könne Heidelberg eingebunden werden. Die Fahrzeiten seien kürzer als innerhalb von Berlin, sagt Fiedler. „Hier kriegen wir das viel, viel schneller hin.“ Schiemer bekräftigt die Aussage.
Das ist aus Sicht der m:con auch ein Plus beim Thema Hauptversammlungen großer Unternehmen: „Auch hier haben wir in der Metropolregion Rhein-Neckar – und das ist jetzt kein Akquise-Erfolg der m:con, sondern dem Standort geschuldet – eine wirklich gute Infrastruktur. Und wir schaffen es zunehmend mehr, die Firmen wieder davon zu überzeugen, dass sie weg von digitalen Hauptversammlungen hin Präsenzversammlungen gehen – und zwar in unserer Region“, so Fiedler. Für Bilfinger realisierte die m:con 2025 beispielsweise die erste Präsenz-Hauptversammlung seit 2019 im Congress Center Rosengarten. Für den DAX-Konzern Brenntag setzte sie die virtuelle Hauptversammlung am Unternehmenssitz in Essen um. „Künftig möchten wir mehr Unternehmen der Region animieren, auch hier in der Region mit Veranstaltungen dieser Art zu bleiben“, zählt Fiedler auch die Jubiläumsfeier zum 100-jährigen Bestehen von Südzucker im Rosengarten auf.
Kooperationen auf vielen Ebenen denken
Selbst beim Sparen denken beide praktisch. „Alles, was wir irgendwo angeschafft haben, etwa an Technik, ist Steuergeld“, sagt Schiemer. „Wenn also eine kleine Kultureinrichtung etwas benötigt, muss sie es doch nicht kaufen, wenn es eine andere in der Nähe hat – sie kann es ausleihen.“ Für ihn ist das ein Bild für die Zukunft: Was aus Steuermitteln angeschafft wurde und gerade ungenutzt im Lager steht, könne anderen helfen. „Sie muss es nur wieder im intakten Zustand zurückbringen, das ist Voraussetzung.“
Fiedler greift das sofort auf und macht daraus die Idee eines Solidaritätsprinzips, materiell gedacht – und regional erweiterbar. Der Rosengarten habe Beamer und Stühle. Heidelberg habe anderes. Warum nicht unkompliziert teilen, wenn Material anschließend wieder zuverlässig zurückkomme? Und warum nicht Ludwigshafen und andere Kommunen einschließen? Mit Christoph Keimes, dem Chef der LUKOM Ludwigshafener Kongress- und Marketing-Gesellschaft, gäbe es längst Gespräche und Kooperationen, etwa beim Filmfestival. Das Prinzip des Austauschs und Wechsels gelte auch für Veranstaltungsreihen wie den Sport-Award Rhein-Neckar, der mal in Heidelberg, mal in Mannheim ausgetragen wird – und warum nicht auch in anderen Kommunen der Metropolregion?
Die Metropolregion gewinnt, wenn …
Es ist ein intensiver Austausch an diesem sommerlichen Nachmittag im Grenzhof – einer zwischen zwei starken Persönlichkeiten zweier Städte, die eines wollen: ein Miteinander für die Region.
Abschließend sollen sie einen Satz beenden, der wie folgt beginnt: Die Metropolregion gewinnt, wenn … „wir endlich die immer noch vorhandenen Grenzen verringern und endlich noch mehr ehrlich miteinander arbeiten“, komplettiert Schiemer. Und Fiedler ergänzt die Vorlage mit: „wenn tatsächlich aus diesem ein Ganzes wird; wenn wirklich Brücken überwunden werden und Erfolg gemeinsam erlebt wird – genauso, wie es dann auch beim Misserfolg wäre. Aber dass man gemeinsam das als Chance begreift, sich zu positionieren gegenüber anderen großen Städten und Kommunen.“
17,35 Kilometer Luftlinie: Es ist keine große Distanz. Für Mathias Schiemer aus Heidelberg und Bastian Fiedler aus Mannheim ist sie vor allem ein Arbeitsauftrag.
Übrigens…
Extra für das Fotoshooting von Mathias Schiemer und Bastian Fiedler, die auch auf dem Cover der 4. Ausgabe in 2026 von econo sind, hat das E1ndruck Atelier in Mannheim-Neckarau T-Shirts gedruckt: Aus der Hometown-Glory-Serie stammt das Motiv mit dem Mannheimer Wasserturm; fürs Shooting wurde zudem das Motiv mit der Alten Brücke in Heidelberg kreiert. In die Wege geleitet hat die T-Shirt-Aktion Nico Hoffmeister von NEXT MANNHEIM. Er hat den Pop-up-Store Hometown Glory in Q6Q7 initiiert, um jungen Marken und kreativen Unternehmen aus Mannheim und der Region mehr Sichtbarkeit zu geben. Dort ist unter anderem auch das Mannheim-T-Shirt erhältlich.
