IM GESPRÄCH Viernheim stellt sich neu auf. Bürgermeister Matthias Baaß erläutert, wie die Stadt mit der Jobbörse, Integrationsprojekten und neuen Konzepten gegen den Fachkräftemangel in Kitas und Pflege vorgeht – und warum knappe Kassen den Handlungsspielraum zunehmend begrenzen.
Herr Baaß, was bedeutet das Motto „Neues Rathaus – Eine Verwaltung geht neue Wege!“ für Viernheim? Welche Veränderungen bringt es für Bürger und Mitarbeitende, und wie weit ist die Digitalisierung der Verwaltung fortgeschritten?
Matthias Baaß: Vor zweieinhalb Jahren sind wir aus einem sehr alten Gebäude in das neue Rathaus umgezogen. Dort wollten wir eine moderne Arbeitswelt schaffen, die wir auch in einem Film für Bewerberinnen und Bewerber zeigen. Es gibt kaum noch Einzelbüros. Die Arbeitsplätze sind offen, aber durch Lärmschutzmaßnahmen getrennt. Hinzu kommen Besprechungsräume und Telefonboxen. Diese Modernität hilft bei der Personalgewinnung: Wir hatten Schwierigkeiten, Stellen nachzubesetzen, finden inzwischen aber wieder mehr Bewerberinnen und Bewerber und sind gut aufgestellt.
Welches Ziel verfolgen Sie damit?
Baaß: Unser Ziel ist eine moderne Verwaltung. Das Rathaus ermöglicht neue Arbeitsformen und vermittelt eine neue Ausstrahlung für Viernheim. Dazu gehört die Digitalisierung: Alle Beschäftigten arbeiten mit Laptops und können sich an verschiedenen Arbeitsplätzen anschließen. Wir wollen digitale Angebote für Bürgerinnen und Bürger ebenso ausbauen wie die Digitalisierung innerhalb der Verwaltung. Über unsere Internetseite stehen bereits zahlreiche Dienstleistungen zur Verfügung. Vieles läuft vollständig digital, manches führt bislang nur zu einem Formular zum Ausdrucken. Über unseren IT-Dienstleister können beispielsweise Anträge für Baustellen, Haussanierungen oder Gerüstaufstellungen online gestellt werden.
Klappen digitale Dienstleistungen denn immer problemfrei?
Baaß: Ein Hindernis ist oft die Bund-ID. Für rechtssichere Vorgänge ist eine Identifizierung per Konto oder Personalausweis und Smartphone erforderlich. Viele brechen deshalb ab und gehen lieber persönlich ins Rathaus. So entsteht der Eindruck, die Digitalisierung komme nicht voran, obwohl zahlreiche Angebote bestehen. Eine Geburtsurkunde kann beispielsweise online beantragt werden. Den Digitalisierungsgrad unserer Dienstleistungen schätze ich auf 50 bis 60 Prozent, vor allem bei stark nachgefragten Angeboten. Grenzen setzt der Gesetzgeber: Bei Pässen oder Meldebestätigungen muss man trotz digitaler Terminvereinbarung und Vorbereitung irgendwann persönlich erscheinen und unterschreiben. Das können Kommunen nicht ändern. Wir bieten aber alles digital an, was rechtlich möglich ist.
Welche Bedeutung hat die Jobbörse im Rhein-Neckar-Zentrum am 28. Januar 2027 für Viernheim, Unternehmen und Arbeitssuchende?
Baaß: Die Jobbörse geht nun schon in die 10. Auflage und ist das Ergebnis erfolgreicher Zusammenarbeit von der Viernheimer Wirtschaftsförderung, dem Rhein-Neckar-Zentrum, der Agentur für Arbeit und dem Eigenbetrieb Neue Wege Kreis Bergstraße – Kommunales Jobcenter.
Ziel ist, Unternehmen und Arbeitssuchende unkompliziert zusammenzubringen. In der Ladenpassage bauen meist rund 40 bis 50 Firmen Stände auf und informieren direkt über offene Stellen, etwa für Berufskraftfahrer, technische Angestellte, IT-Fachkräfte oder andere Berufe. Agentur für Arbeit und Jobcen-ter informieren zugleich Menschen aus ihrem Kundenkreis.

Matthias Baaß (Jahrgang 1962) ist gebürtiger Viernheimer und dort tief verwurzelt. Seine berufliche und politische Laufbahn ist eng mit seiner Heimatstadt verknüpft. Nach seiner ersten Wahl zum Stadtoberhaupt im Jahr 1997 wurde Baaß in den folgenden Jahren jeweils wiedergewählt, zuletzt im März 2021 für eine weitere sechsjährige Amtszeit bis 2027. Neben seiner Arbeit als Bürgermeister ist er Vorstandsmitglied des Vereins Zukunft Metropolregion Rhein-Neckar e. V. und engagiert sich in kommunalen Spitzenverbänden.
Welche Rolle spielt hierfür das Rhein-Neckar-Zentrum als Veranstaltungsort?
Baaß: Der Standort ist ideal, weil ihn jeder kennt und die Atmosphäre niedrigschwellig ist: Man kann vorbeischauen, Gespräche führen und weitergehen, wenn es nicht passt. Die Unternehmen nehmen regelmäßig teil, weil sie Erfolge erzielen. Vertreten sind nicht nur Viernheimer Firmen, sondern Unternehmen aus der gesamten Region. Viele Viernheimer arbeiten außerhalb, während viele Auswärtige in Viernheim beschäftigt sind. Wir sind dem Rhein-Neckar-Zentrum dankbar für den Standort. Auch für das Zentrum ist die Jobbörse ein Aushängeschild und sorgt für zusätzliches Publikum. Die Börse stärkt die Wirtschaft, weil Unternehmen offene Stellen besetzen können, und hilft Menschen bei der Suche nach passenden Arbeitgebern.
Wie werden Potenziale von Zugewanderten insbesondere für Kitas und Pflege erschlossen? Welche Rolle spielt Lernmobil Viernheim e. V. für Integration und Arbeitsmarkt?
Baaß: Ein wichtiger Ansatz ist, bereits hier lebende zugewanderte Menschen einzubeziehen und vorhandene Potenziale besser zu nutzen. Viele bringen Qualifikationen und Erfahrungen mit, stoßen aber auf Hürden bei Anerkennung, Ausbildung oder Beschäftigung. Unsere Gleichstellungsbeauftragte arbeitet deshalb beim Thema Fachkräfte für Kitas gemeinsam mit bestehenden Netzwerken daran, Menschen zu beraten und durch die Verfahren zu begleiten. In den vergangenen drei Jahren wurden so mehr als 100 Personen betreut. Gleichzeitig ist die Zahl der Auszubildenden deutlich gestiegen – von 22 im Ausbildungsjahr 2024/25 auf 35 im Ausbildungsjahr 2025/26. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Lernmobil mit dem Projekt „Rein in die Arbeit (RIA)“ für den Pflegebereich. Hier konnten bereits zahlreiche Menschen für eine berufliche Perspektive in der Pflege interessiert werden.
Sind die bürokratischen Hürden nicht manchmal zermürbend?
Baaß: Wichtig ist, dass Menschen nach Ablehnungen nicht aufgeben. Sie brauchen Unterstützung, um Verfahren zu verstehen und Vertrauen in ihre berufliche Perspektive zu entwickeln. Viele Vorgaben sind schwer nachvollziehbar: Ausnahmegenehmigungen des Hessischen Sozialministeriums gelten teilweise nur für einzelne Kitas und eine ganz bestimmte Person. Bei einem Wechsel muss das Verfahren erneut durchlaufen werden. Dabei kann die Kita-Leitung am besten beurteilen, ob jemand fachlich und persönlich ins Team passt.
Die Nähe zu Baden-Württemberg ist manchmal hilfreich. Manche Personen werden dort für eine Ausbildung zugelassen, obwohl sie in Hessen wegen anderer Kriterien abgelehnt würden. Während und nach der Ausbildung können sie dennoch in Viernheim arbeiten. Das zeigt, wie widersprüchlich manche Regelungen sind.
Wie gehen Sie mit den gewonnenen Erfahrungen aus dem Kita-Bereich um?
Baaß: Nach den Erfahrungen im Kita-Bereich wurde der Ansatz auf die Pflege übertragen. Gemeinsam mit Pflegeheimen, Johannitern, Caritas und ambulanten Diensten wurden Interessierte aus Sprachkursen angesprochen. Bei einem Informationsabend kamen rund 40 Personen, etwa 20 begannen Praktika in ambulanten oder stationären Einrichtungen. Bereits zwei Personen haben eine Ausbildung aufgenommen. Sprach- und Integrationskurse sollten stärker mit beruflicher Orientierung verbunden werden. Frühzeitig sollte gefragt werden: Was ist das berufliche Ziel, und wie kann der Weg dorthin gelingen? Das wäre ein Modell für ganz Deutschland. Wer eine Ausbildungs- und Berufsperspektive erhält, gewinnt Vertrauen und Teilhabe.
Wie ist die Fachkräftesituation in den Viernheimer Kitas, und was unternimmt die Stadt, um Personal zu gewinnen?
Baaß: Der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern ist hoch, während es zu wenige Fachkräfte gibt. Deshalb können einzelne Einrichtungen nicht vollständig genutzt werden. Wir suchen deshalb gezielt nach neuen Arbeitskräften. Ein wichtiger Ansatz ist, bereits hier lebende zugewanderte Menschen einzubeziehen. Viele bringen Qualifikationen mit, scheitern aber an Anerkennungsregeln, Ausbildungswegen oder Beschäftigungsvoraussetzungen. Eine ausgebildete Grundschullehrerin aus der Ukraine darf beispielsweise nicht automatisch als Erzieherin arbeiten.Zugleich müssen bürokratische Hürden abgebaut und Einschätzungen der Kita-Leitungen stärker berücksichtigt werden. Die Zusammenarbeit mit Institutionen aus dem Sozialen Netzwerk Viernheim – wie Jobcenter, Familienbildungswerk und Caritas, Kitas, Lernmobil – und Ausbildungsmöglichkeiten in Baden-Württemberg helfen, vorhandene Potenziale zu erschließen. Davon profitieren die Einrichtungen ebenso wie Menschen, die bisher unterhalb ihrer Möglichkeiten beschäftigt waren oder keine Arbeit gefunden haben.
Wie wirkt sich die Finanzlage der Kommunen auf Viernheim aus? Welche Unterstützung erwartet die Stadt von Land und Bund?
Baaß: Die Kommunen sind finanziell stark unter Druck; das gilt auch für Viernheim. Besonders im investiven Bereich müssen wir uns einschränken, etwa bei Straßenerneuerungen oder Sportanlagen. Das Kernproblem: Bund und Land übertragen Kommunen Aufgaben, ohne deren Finanzierung dauerhaft zu sichern. Die Kommunen müssen Leistungen umsetzen und bezahlen, über die sie nicht entschieden haben. Es muss gelten: Wer bestellt, bezahlt. Für das kommende Jahr sind über den Landkreis zusätzliche Belastungen in Millionenhöhe angekündigt, unter anderem für den Landeswohlfahrtsverband. Diese Umlagen fehlen anschließend vor Ort. Zwar soll der Grundsatz künftig bei neuen Gesetzen stärker berücksichtigt werden, doch die bestehenden Belastungen bleiben. Wenn Kommunen ihren Handlungsspielraum verlieren, gefährdet das auch das Vertrauen in Staat und Demokratie. Menschen erwarten, dass vor Ort Dinge funktionieren. Wir versuchen daher, die Folgen für die Bürgerschaft gering zu halten und Angebote wie das Schwimmbad der Stadtwerke sowie Betreuungsleistungen zu erhalten. Doch die Spielräume werden enger. Bei jedem Haushalt sucht eine zusätzliche Finanzarbeitsgruppe nach Einsparmöglichkeiten. Viernheim geht es damit ähnlich wie anderen Kommunen, etwa Mannheim – nur in kleinerem Maßstab.
