INTERVIEW Die Wirtschaftsregion Bergstraße verbindet die Metropolregionen Frankfurt/Rhein-Main und Rhein-Neckar. Dr. Matthias Zürker, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bergstraße GmbH (WFB) mit Sitz in Heppenheim, sieht in dieser besonderen Lage und in der Vielfalt an Branchen die Gründe für den steten Zuzug von Menschen und Unternehmen. Er erklärt, weshalb dadurch aktuell die Flächenverfügbarkeit eine der zentralen Herausforderungen für die hiesige Wirtschaft ist.
Herr Dr. Zürker, die Wirtschaftsregion Bergstraße umfasst den gleichnamigen hessischen Landkreis und ist topographisch sehr vielfältig: Vom Ried und dem Kerngebiet um Heppenheim und Bensheim in der Rheinebene bis in den Vorderen Odenwald und sogar ins Neckartal. Somit sind auch die Besiedelungs- und Wirtschaftsstrukturen ganz unterschiedlich. Kann man da überhaupt von einer gemeinsamen Wirtschaftsregion sprechen?
Dr. Matthias Zürker: Ja, und zwar durchweg im Positiven. Denn gerade diese Vielfalt zeichnet unsere Wirtschaftsregion Bergstraße aus: Wir sind unternehmerisch sehr breit aufgestellt. Deswegen sind wir nicht von einer einzelnen dominierenden Branche abhängig, sondern haben sowohl Zentralen oder Standorte von international tätigen Konzernen wie auch viele langfristig ausgerichtete Mittelständler und Familienunternehmen, die in den unterschiedlichsten Bereichen tätig sind – von Life Science über Automotive, Maschinenbau, Chemie, Kunststoff, Bau und Logistik bis hin zu Ernährung. Unter den rund 20.000 Unternehmen mit ihren knapp 80.000 Beschäftigten sind zudem viele Hidden Champions, die bereits seit Jahrzehnten in ihrer Nische Weltmarktführer oder zumindest außergewöhnlich erfolgreich sind. Das alles mag in Zeiten, in denen einzelne gehypte Branchen besonders stark boomen, etwas unspektakulär wirken. Aber langfristig und besonders in Krisenzeiten zahlt sich diese breite Aufstellung in ungleich höherem Maße aus. Natürlich spüren auch unsere Unternehmer die derzeit außergewöhnlich anspruchsvolle Großwetterlage der Wirtschaft. Aber dank der breiten Streuung kamen wir bislang immer relativ stabil durch derartige Stürme: Unsere Wirtschaftsregion ist sehr krisenfest und resilient.
Trotzdem sitzen die großen Firmen tendenziell in der Rheinebene, während im Vorderen Odenwald weniger Menschen leben und es entsprechend eine geringere Unternehmensdichte gibt…
Zürker: Naturgemäß ist der Vordere Odenwald ländlicher, aber daraus darf man keine falschen Rückschlüsse ziehen. Unsere gesamte Region liegt in der Mitte der beiden Metropolregionen Frankfurt/Rhein-Main und Rhein-Neckar. Die Anbindung ist in der Ebene tendenziell besser, da hier Autobahnen, ICE-Verbindungen und S-Bahnen sowie nicht zuletzt der Rhein eine schnelle Erreichbarkeit garantieren. Bis zum Frankfurter Flughafen sind es oft keine 30 Minuten, zumal dieser durch das neue Terminal 3 im Süden noch einmal merklich näher an die Bergstraße gerückt ist. Von Bensheim oder Heppenheim aus sind Sie deshalb fast genauso schnell am Gate wie vom Frankfurter Römer aus. Eine derartige Infrastruktur kann der Odenwald zwar nicht ganz vorweisen, aber dafür stechen hier andere Trümpfe: Viele familiengeführte Unternehmen, in denen es über Generationen gewachsene persönliche Strukturen, kurze Entscheidungswege und eine tiefe Verankerung in der Region gibt. Das sind ideale Voraussetzungen, um in einem Spezialbereich langfristig erfolgreich sein zu können – eben als die erwähnten Hidden Champions. Und dank des bis Ende dieses Jahrzehnts abgeschlossenen, flächendeckenden Glasfaserausbaus, der zum Beispiel durch das Interkommunale Breitbandnetz IKbit und durch hessische Landesförderungen auch in ländlicheren Teilen unserer Region vorangetrieben wird, gibt es bei der immer wichtigeren digitalen Erreichbarkeit ohnehin kaum noch Unterschiede – bisweilen ist der Odenwald hier sogar schneller unterwegs.
Zeigt sich diese ausgeglichene Lage auch bei den Bevölkerungszahlen oder betrifft das ausschließlich die Wirtschaft?
Zürker: Das zeigt sich in allen Bereichen. Zu Beginn der 2010er-Jahre gab es mitunter noch recht negative Prognosen für den Vorderen Odenwald, die von einer schrumpfenden Bevölkerung ausgingen. Die haben sich aber ganz und gar nicht bewahrheitet: Die Zahlen haben sich stabilisiert und teilweise sogar umgekehrt. Gerade junge Familien finden dort heute wegen der günstigeren Immobilienpreise, der schnellen Internetverbindungen und der guten Betreuungsmöglichkeiten interessante Möglichkeiten. Die Ebene mit den Autobahnen und den überregionalen ÖPNV-Verbindungen sind bei Bedarf ja schnell erreichbar. Aber auch bei den „weichen“ Faktoren kann unsere Region punkten: Mit dem Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, mit Deutschlands zweitkleinstem Weinanbaugebiet und mit der Mandel- und Kirschblüte haben wir ein sehr lebenswertes Umfeld für die Menschen. Da ist es kein Wunder und freut es uns, dass wir insgesamt sogar einen spürbaren Zuzug in unsere Region haben – sowohl von Unternehmen als auch von Menschen.

Der Zuzug von Menschen und Unternehmen an die Bergstraße ist weiterhin groß, entsprechend wächst auch die Nachfrage nach Wohnraum. Im Norden von Heppenheim sind in den vergangenen Jahren deshalb Hunderte neue Wohnungen enstanden – und die Bauprojekte gehen in der ganzen Region munter weiter. Bild: Benjamin Jungbluth
Führt diese Beliebtheit dann mitunter zu neuen Problemen? Schließlich ist es in der Rheinebene zwischen Rhein-Neckar und Rhein-Main bekanntlich schon ziemlich voll und eng.
Zürker: Tatsächlich ist die Flächenverfügbarkeit für uns aktuell eine der zentralen Herausforderungen. Wir brauchen dringend mehr Bereiche, in denen ansässige Unternehmen erforderliche Erweiterungen durchführen oder sich neu ansiedeln können. Erweiterungs- oder Restrukturierungsbedarf von ansässigen Unternehmen entsteht auch dadurch, dass es in den nächsten Jahren eine große Zahl an Firmennachfolgen geben wird, wenn die Boomer an die jüngere Generation übergeben. Denn diese will verständlicherweise zukunftssicher planen: Bei Bedarf mit neuen Anlagen sowie der Perspektive, den übernommenen Betrieb möglicherweise in einigen Jahren ausbauen zu können. Die Städte und Gemeinden sind also gut beraten und bei dem Thema bereits aktiv, die benötigten Flächenkapazitäten durch Nachverdichtung im Innenbereich wie auch durch die Ausweisung neuer Gewerbeflächen bereitzustellen. Nur so ist die Sicherung unseres Wohlstandes, von dem alle Bereiche der Gesellschaft profitieren, am Ende möglich. Wir brauchen für unsere Wirtschaft flexible Perspektiven.
Die Erweiterung auf der grünen Wiese führt allerdings oft zu Gegenwind. So gibt es auch beim geplanten Interkommunalen Gewerbegebiet von Bensheim und Lorsch Protest von Umweltschützern…
Zürker: Das ist auch völlig legitim, denn es gehört zum Kern unserer Demokratie, dass solche Themen innerhalb der Gesellschaft miteinander diskutiert werden und dass um die bestmöglichen Lösungen gerungen wird. Als Wirtschaftsförderung können wir diesen konstruktiven Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung mit Fakten unterstützen. Wichtig ist aber, dass wir am Ende zu Ergebnissen kommen, die zur Sicherung unseres Wohlstandes beitragen.
Ein Vorschlag ist die schon angesprochene Nachverdichtung innerhalb von Städten und Gemeinden, um die Natur zu schonen. Wäre das nicht eine allgemein anwendbare Lösung?
Zürker: Nachverdichtung ist ein ganz wichtiger Teil einer Lösung, zu der es aber noch weiterer Komponenten bedarf. An vielen Stellen versuchen Unternehmen ja bereits, möglichst am bestehenden Standort weiter zu wachsen und hierfür so wenig Fläche wie möglich in Anspruch zu nehmen – zum Beispiel durch „Wachstum in die Höhe“. Ein gutes Beispiel für die flächenschonende Erweiterung am bestehenden Standort ist die neue Magnum Ice Cream Company, die das Werk in Heppenheim – übrigens jetzt schon das größte Speiseeiswerk Europas – für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag mit einem neuen Tiefkühl-Hochregallager ausbauen will. Dabei können bestehende Strukturen weitergenutzt werden, was schon rein betriebswirtschaftlich Sinn macht. Ähnliche Gedanken spielen eine große Rolle bei der Nachnutzung des ehemaligen Kernkraftwerks in Biblis: Dort könnte die vorhandene Infrastruktur gut genutzt werden, um Gewerbe anzusiedeln und zudem in die zukunftsträchtige Fusionstechnologie zu investieren. Wir sprechen hier von rund 60 Hektar bereits bebauter und infrastrukturell optimal erschlossener Fläche sowie einem angrenzenden, noch einmal genauso großen Bereich, der mal als Erweiterungsfläche für das Kraftwerk gedacht war. Der Kreis Bergstraße, die RWE Nuclear GmbH, die Gemeinde Biblis und wir lassen gerade durch ein Büro eine Machbarkeitsstudie erstellen, um dieses enorme Potenzial bei gleichzeitig möglichst geringen Eingriffen in die Natur nutzbar zu machen. Bis Ende des Jahres werden wir eine belastbare Datengrundlage für weitere Planungen haben, in die mit der Hessen Trade & Invest GmbH auch die Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft des Landes Hessen eingebunden ist.

Dr. Matthias Zürker im Gespräch mit econo.
Aber trotzdem werden zusätzliche Flächen auf der grünen Wiese benötigt?
Zürker: Die Nachverdichtung von bestehenden Gewerbegebieten oder die Umnutzung von Gewerbebrachen sollten immer Vorrang vor der Ausweisung von neuen Flächen haben. Aber dieses Potenzial reicht nicht aus, um die Nachfrage komplett abzudecken. Wir haben nämlich nur wenige dieser komplett leerstehenden Flächen wie in Biblis, weil wir eben kaum Aufgaben von bestehenden Unternehmen haben. Und auch die Erweiterung in die Höhe ist nicht in allen Fällen möglich, weil nicht jede Produktion in diese Richtung ausgebaut werden kann. Zudem sind die Vorgaben und Ansprüche heute viel größer als früher: Der Emissionsschutz ist inzwischen ein wichtiges Thema, wenn Firmen innerorts erweitern wollen. Den Lärm und den Verkehr wollen viele Menschen heute verständlicherweise lieber außerhalb haben, außerdem ist das auch eine planerische Komponente – das beißt sich dann aber an der einen oder anderen Stelle mit der Nachverdichtung im Ort.
Was ist also aus ihrer Sicht entscheidend, damit sich die Wirtschaftsregion Bergstraße weiterhin positiv entwickeln kann?
Zürker: Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Verständnis für die Notwendigkeit einer funktionierenden Wirtschaft und welche Bedeutung diese für uns alle hat. Daraus ergibt sich dann, dass wir gemeinsam Lösungen für den Flächenbedarf finden müssen. Auch ist es sinnvoll, Planungsprozesse weiter zu verschlanken, zu flexibilisieren und zu beschleunigen. Man sieht es aktuell an der Fortschreibung des Regionalplans, wie dieser mitunter hochkomplexe Prozess für manchen nur noch schwer zu verstehen ist und die Akzeptanz dieser wichtigen Planungsgrundlage entsprechend leidet. Und wenn solche für eine funktionierende Wirtschaft grundlegenden Prozesse am Ende mehr als ein Jahrzehnt dauern, dann sind wir als Gesellschaft nicht mehr in der Lage, angemessen auf aktuelle weltweite Entwicklungen zu reagieren. Unsere Unternehmen benötigen aber eine solide Basis, auf die sie im
