Die IT-Unternehmerin Olga Mordvinova entwickelt mit ihrem Unternehmen eine KI-Anwendungsplattform für smarte Produktion – mit klarer Ausrichtung auf den Mittelstand. Ihre Mission: Menschen befähigen, Maschinen und Prozesse wirklich zu verstehen.
Von Joachim Klaehn
Wer der Tech-Unternehmerin Olga Mordvinova begegnet, der bekommt auf eine völlig unaufgeregte Art und Weise eine Vorstellung davon, warum Künstliche Intelligenz (KI) aus der Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, aber auch aus dem alltäglichen Leben jedes Einzelnen längst nicht mehr wegzudenken ist. Der studierten Informatikerin und Linguistin gelingt es, das Feuer für Technologie und Naturwissenschaften zu entfachen und Bedenken in Richtung KI auszuräumen. Wodurch? Olga Mordvinova ist Gründerin und CEO des in Heidelberg ansässigen Unternehmens incontext.technology GmbH (INCTEC), das Firmen aus der Industrie dabei unterstützt, smarter zu arbeiten und Maschinen und Prozesse schneller und effektiver ins Laufen zu bringen.
Gründerin mit Profil
Die gebürtige Ukrainerin zählt zu jener Generation an starken Gründerinnen, die Verantwortung übernehmen, Innovationen umsetzen und sich in einer klassischen Männerdomäne partout nicht beeindrucken lassen. Darüber hinaus engagiert sich Mordvinova nachhaltig im Verband der Unternehmerinnen in Deutschland e.V. (VdU). Zunächst war sie Vorsitzende im Landesverband Baden. Vergangenes Jahr wurde sie in den Berliner VdU-Bundesvorstand gewählt. Dort ist sie für die Themenfelder Digitalisierung und Innovation zuständig und versucht dadurch ihren Einfluss in Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft geltend zu machen. „Hier kann ich als ältester Unternehmerinnen-Verband der deutschen Wirtschaft eine weibliche Stimme verleihen, Verschlankungen der Prozesse anvisieren und Möglichkeiten einer digitalisierten Wertschöpfung aufzeigen“, sagt Olga Mordvinova.
Im Grunde genommen tut sie dies in ihrem Deeptech-Unternehmen genauso, das seinen Sitz in einem denkmalgeschützten Gebäude an der Heidelberger Friedrich-Ebert-Anlage hat, das einst von den Architekten Heinrich Kumpf und Carl Wolf für den Zimmermeister Emil Hipp 1911/1912 errichtet worden war. Schon der Name ist Programm: incontext.technology betrachtet Technologie nicht zu ihrem Selbstzweck, sondern sie steht stets „im Kontext menschlicher Bedürfnisse und soll helfen, diese besser zu erfüllen. Damit der Mensch Mensch sein kann“, wie es plakativ und sehr einprägsam auf der INCTEC-Webseite heißt.
Das Selbstverständnis des Unternehmens korrespondiert mit demjenigen seiner Gründerin und Geschäftsführerin. Sie ist „Spiritus rector“, Vordenkerin und Leitfigur eines mehr als zehnköpfigen Teams. Fast alle Mitarbeitenden haben an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studiert, projektbezogen werden externe Experten aus der Wissenschaft und Industrien hinzugeholt. Die drei Firmengründer hatten bei SAP gearbeitet. Sie kannten sich mit Verarbeitung großer Datenmengen aus und sie verband das Verständnis einer Zusammenarbeit, die maßgeblich von intelligenter Technologie, Entscheidungsfreiheit und dem Ziel geprägt war, Innovationen in industrielle Bereiche zu integrieren, in denen diese bislang nur begrenzt Anwendung fanden. So legte man mit INCTEC los – mit einem Füllhorn an Ideen und einem nachhaltigen Wachstumsmodell. Interessanterweise mit Eigenkapital und wiederkehrenden Umsätzen statt Risikokapital und Investor.
Von Heidelberg nach Paris
Der Durchbruch gelang dem Gründer-Kollektiv im Nachbarland Frankreich. „Das gibt es sonst wahrscheinlich nur in Filmen“, erinnern sich Olga Mordvinova und Co-Founder Cyrille Waguet an den kurios-furiosen Auftakt. Bei einem Wettbewerb vor acht Jahren in Paris, der gemeinsam vom größten französischen Telekommunikationskonzern Orange und der staatlichen Eisenbahngesellschaft Société nationale des chemins de fer français (SNCF) ausgeschrieben worden war, setzte sich das Start-up aus Heidelberg in einem illustren Feld von 150 Wettbewerbern auf Anhieb durch. Neben dem Preis bekam man einen Auftrag bei SNCF – nämlich die Überwachung der Beleuchtung in Tunneln. Danach überwachte man Gleise. „Mit Sensoren an Kugellagern der Züge, die Erschütterungen aufnahmen, konnten wir Mängel an der Strecke erfassen und Wartung mithilfe von Daten optimieren. Nach einiger Zeit weiß man genau, wie die Strecke beschaffen ist, man erkennt jeden Mangel an den Schienen und an welchen Stellen Reparaturen demnächst notwendig sind“, berichtet Cyrille Waguet, Maschinenbauer und promovierter Mathematiker.
Technologie, die eine bessere Instandhaltung garantiert. Technologie, die Verspätungen oder gar Ausfällen im Bahnverkehr vorbeugt. Eine rundum spannende Geschichte, für die die Deutsche Bahn nicht offen war. Damals war es nicht einfach, Unternehmen von den Vorteilen der datengestützten Wartung mit KI zu überzeugen, meint Olga Mordvinova in der Retrospektive.
Wie dem auch sei: Das in Frankreich für Aufmerksamkeit sorgende Start-up kehrte zum deutschen Mittelstand zurück, um komplexe Produktionsaufgaben zu lösen, und schreibt seitdem ein erfolgreiches Kapitel nach dem anderen. „Unser Fokus auf Mehrwert für unsere Kunden führt dazu, dass wir von unseren Kunden wiederum aktiv empfohlen werden“, sagt Mordvinova.
Es ist bemerkenswert, wie das KI-Geschäftsmodell von incontext.technology funktioniert. Wie erwähnt ohne Fremdkapital, ohne Investoren. Man wachse stattdessen harmonisch wie ein Mittelstandsbetrieb, das sei der elementare Unterschied zu den meisten Protagonisten der kunterbunten Start-up-Szene in Deutschland. „Wir haben uns hingesetzt und erste Lösungen anhand des realen Bedarfes unserer Kunden entwickelt. So entstehen die wirklich interessanten Aufgaben mit einem nachhaltigen Nutzen“, meint Mordvinova im Brustton der Überzeugung.
Reale Szenarien werden aufgezeigt
Der ungewöhnliche Weg hat sich für das INCTEC-Team, bestehend aus Software- und Maschinenbauingenieuren, Mathematikern und KI-Experten, im Laufe der Zeit gelohnt. Mithilfe von KI wird inzwischen die Industrie sukzessive transformiert, Mordvinova und Co. können akribisch rechnen und der Klientel aus verschiedenen Branchen zeigen, was möglich ist. „Wir zeigen mit unserer Anwendungsplattform für vernetzte Anlagen reale Szenarien und wissen genau, was mit KI nicht funktioniert“, so Olga Mordvinova über die pragmatische Herangehensweise an die Themen Anlagenmanagement, Wartung, Prozesseffektivität in der Produktion. Es geht um smarte Lösungen für die industrielle Automatisierung: um Erfahrungen aus der Praxis, fundiertes Prozesswissen, Software und Datenanalysen, die sich skalierbar miteinander verbinden lassen. „Unsere Software schafft Transparenz über Maschinen, Anlagen und deren Zustand, sie macht Prozesse nachvollziehbar und unterstützt Menschen mit relevantem fachlichem Expertenwissen“, ordnet Olga Mordvinova den Ansatz ein, „im Grunde ist es ein dreischrittiges Erfolgsrezept.“
Beispiele gefällig? Eine europäische Raffinerie, die mit Tausenden Kontraktoren Wartungsarbeiten innerhalb von wenigen Wochen in der gesamten Produktionsstätte koordiniert; eine Pharmadruckerei, die jede Änderung im Maschinenpark GMP-konform abbildet und dabei das implizite Wissen ihrer Mitarbeitenden nutzt; oder eine Müllverbrennungsanlage, die durch präzise Kontrolle der Verbrennung Wartung und Instandhaltung vorausschauend plant. Ähnliche Ergebnisse lassen sich etwa in der Versorgungswirtschaft oder in der facettenreichen Fertigungsindustrie und in Organisationsformen sowie Institutionen des öffentlichen wie wissenschaftlichen Bereichs erzielen.
KI ist kein neuartiges Phänomen
Bei aller Begeisterung für technologische Errungenschaften, Produkte und Dienstleistungen – genannt seien hier digitale Zwillinge, Analysen von Datenströmen, Smart Monitoring oder smarte Assistenz – ist es Olga Mordvinova im Gespräch mit econo wichtig, die neue Arbeitswelt einer KI-basierten Industrie und menschliche wie zwischenmenschliche Kategorien in Einklang zu bringen. Künstliche Intelligenz ist als Instrumentarium, auch wenn es mitunter so suggeriert werden mag, kein neuartiges Phänomen. Im Gegenteil: Fachleute beschäftigen sich seit Mitte der 1950er-Jahre damit. Das Konzept „Industrie 4.0“, auf der Hannover Messe 2011 erstmals präsentiert, gilt unverändert als Orientierungspunkt des Gründervaters und acatech-Kuratoriumsvorsitzenden Henning Kagermann. Die holistische Digitalisierung der Produktion ist brandaktuell, zumal die relevanten Fragen lauten: Wie digital sind wir eigentlich? Und wie sehr leben wir diese Begrifflichkeit „Industrie 4.0“?
Für Olga Mordvinova ist diesbezüglich „deutlich Luft nach oben“. Deutschland sei ein Land mit einer Vielfalt an Konzepten, was sich im starken Mittelstand, aber auch in der Diversität der Produkte und Produktion widerspiegle. „Industrie 5.0“ beziehe langsam, aber sicher zwei Aspekte mit ein: Erstens stünde der Mensch im Fokus der Transformation, zweitens stelle der Kreislauf einer nachhaltigen, effektiven und recycelbaren Produktion ein wesentliches Modul dar.

Der Autor im Gespräch mit Olga Mordvinova, Cyrille Waguet und Shuni Chen vom Projektmanagement und Marketing. Bilder: Cheesy
Die klare Marschrichtung: Maschinen sollen den Menschen nicht ersetzen. Die Herausforderung besteht darin, Menschen-zentrierte Technologie zu entwickeln. „Eine Maschine ist im Vergleich zu Menschen einfach – sie ist deterministisch“, so Mordvinova. Maschinen der Industrie 4.0 gelte es für industrielle Tätigkeitsfelder wie etwa Produktion, Kreislaufwirtschaft, Liegenschafts- und Landschaftspflege oder „Smart Cities“ ständig zu verbessern und den menschlichen Arbeitsbedürfnissen anzupassen. Hier kommt das Human-in-the-Loop-Prinzip ins Spiel. Es bedeutet die bewusste und gezielte Einbindung des Menschen in automatisierte KI-Entscheidungsprozesse. Die Synergieeffekte aus menschlichem Verständnis und maschineller Effizienz sind der Schlüssel, um Veränderungen zu forcieren, Verfahren und Methodik permanent zu modifizieren. Die beste Software ist diejenige, die das Leben und Arbeiten erleichtert. Deshalb lässt INCTEC Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine nie aus den Augen.
Einerseits habe sie in ihrem Gründerinnnen-Dasein Resilienz, Demut und Geduld geprägt (Mordvinova: „Ich habe Langlauf gelernt“), andererseits müsse sie unentwegt strategische Entscheidungen für ihr Unternehmen treffen, beschreibt Olga Mordvinova ihre unternehmerische Einordnung ins Koordinatensystem: „Es ist immer etwas Neues, ob Covid, Krieg oder Energiekrise. Das Unternehmen muss für alles gerüstet sein.“
In ihrem Familienumfeld gibt es einige Unternehmer und Selbstständige sowie zahlreiche Ärzte. Innerhalb dieses Mikrokosmos besitzt Entscheidungsfreiheit einen hohen Stellenwert. Deshalb war es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann sie selbst den „richtigen Weg“ einer Gründerin und freien Unternehmerin einschlagen und die hochdotierten Jobs und die Sicherheit bei Großkonzernen – wie geschehen – aufgeben würde.
Einsatz für MINT-Themen
Was treibt Mordvinova unermüdlich an? Ist es technologische Neugier? Wirtschaftlicher Erfolg? Oder gesellschaftliche Wirkung? „Alles zusammen“, sagt sie und schmunzelt, „es ist meine Lust zu Veränderungen und meine Ambition zu zeigen, dass man mit technologischem Erfolg auch wirtschaftlichen Erfolg haben kann. Die größte Genugtuung spüre ich, wenn unsere Kunden durch innovative Technologien erfolgreicher werden. Ich möchte darlegen, dass wir mit Innovationen die Welt im positiven Sinne verändern können.“
Diese Haltung überträgt Olga Mordvinova auf ihre ehrenamtliche Funktion im Verband der Unternehmerinnen. Sie bedauert, dass es in Deutschland wie schon vor 25 Jahren nur zirka 20 Prozent Frauen in der IT-Branche gibt. „In Osteuropa arbeiten deutlich mehr Frauen in diesem Berufsfeld“, sagt sie. Ob es an fehlenden Rollenbildern, wenigen Vorbildern oder auch häuslicher Prägung in jungen Jahren in diesem zukunftsträchtigen Berufszweig liegt, vermag sie nicht endgültig zu beantworten. Fakt ist: Ihre Motivation ist hoch, wirtschafts- und bildungspolitisch Einfluss zu nehmen. Olga Mordvinova setzt sich stark für MINT-Themen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ein, die ihrer Meinung nach essenziell sind. Hier bestünde großer Nachholbedarf. Niederschwellig betrachtet plädiert sie für eine clevere Kinderbetreuung mit hochqualifizierten didaktischen Konzepten, die in Kindertagesstätten und im Kindergarten greifen müssen, um dort frühkindliche Lust aufs Lernen zu wecken. „Unsere Kinder sind die wertvollste Investition in unsere Zukunft“, so Olga Mordvinova unmissverständlich.
Was muss sich in Deutschland und Europa ändern, damit KI als Assistenz des Menschen ihr volles Potenzial in der Industrie entfalten kann? Mordvinovas präzise, differenzierte Antwort lässt nicht lange auf sich warten: „Ich wünsche mir, dass allseits mehr Offenheit für Technologie und KI sowie gleichzeitig kritisches Denken existiert. Und von der Politik und den Großen in Europa wünsche ich mir mehr Verständnis für technologische Wettbewerbsfähigkeit sowie die Förderung von Souveränität in Sachen Technologie. Angst ist dabei falsch. Wir haben so viel Exzellenz in unserem europäischen Cluster. Wir müssen nur diese Exzellenz tatsächlich fördern.“
Kluge Worte einer modernen Unternehmerin, die den Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen digitaler Technologie inklusive KI und menschlichen Lernprozessen, zwischen Leben und dem Kulturwandel des „New Work“ dank ihrer erfrischenden Bodenständigkeit verkörpert. Olga Mordvinova ist in ihrer Heimat dreisprachig aufgewachsen, studierte Informatik, Computerlinguistik und Linguistik in Heidelberg.
Sie ist also eine Übersetzerin, die gelernt hat, Menschen und deren Kommunikation zu verstehen. Und diesen Schatz an Wissen schafft die Verbindungslinie zur KI- und Industriewelt und stößt Türen im Kontext von Menschen, Daten und industriellen Anwendungen auf. Die hohe Kunst dabei: Komplexität in Einfachheit zu transferieren. In smarte Produktion – dank smart arbeitender Menschen.
Zur Person
- Olga Mordvinova (45) ist Gründerin und CEO der incontext.technology GmbH (INCTEC). Die gebürtige Ukrainerin fungiert als ausgewiesene Expertin für KI in industriellen Anwendungen, gehört zu den Top 50 der Unternehmerinnen in Deutschland (Handelsblatt, Unternehmer) und ist eine der Vorbildunternehmerinnen des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK). Vor der Gründung ihres Unternehmens war die studierte Informatikerin für IBM, SAP und ProsiebenSat1 in der Entwicklung und Leitung in strategischen Bereichen tätig und lehrte an der Universität Heidelberg. Sie engagiert sich für eine nachhaltige Anwendung von KI in der Industrie und ist aktiv bei vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) angestoßenen Initiativen zur Förderung der Innovation und Digitalisierung. Sie ist Mentorin für angewandte KI und digitale Geschäftsmodelle, Beiratsmitglied und seit 2025 Bundesvorstand für das Ressort Digitales im Verband der Unternehmerinnen in Deutschland (VdU). Mordvinova ist ehemalige Leistungsvolleyballerin und lebt mit ihrer Familie in Heidelberg.
Hintergrund
- Das Unternehmen incontext.technology GmbH (INCTEC) ist ein Deeptech-Unternehmen für smarte Automatisierung und industrielle Künstliche Intelligenz für Produktion und Anlagebau. In Heidelberg von drei Technologen gegründet, entwickelt INCTEC eine Anwendungsplattform „smart automation“ für Erfassung, Monitoring und Optimierung von Produktionsassets und Prozessen, mithilfe von digitalen Zwillingen und KI. Für seine Innovationen wurde das Unternehmen bereits national und international ausgezeichnet, unter anderem als „Newcomer in the Industry 4.0“, „AI Champion Baden-Württemberg“, „Top Service Unternehmen“ und war Sieger beim renommierten internationalen SNCF/Orange-Entwicklungswettbewerb. Mehr Informationen gibt es unter https://incontext.technology.
