Humanoide Roboter, die im Alltag helfen, in der Pflege unterstützen und in China sogar einen Halbmarathon absolvieren: Für Professor Dr. Marcus Vetter von der Technischen Hochschule Mannheim steht fest, dass KI und Robotik enorme Chancen bieten — wenn Deutschland den Mut hat, sie aktiv mitzugestalten.
Von Stefan Kern
Der Diskurs rund um Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik ist emotionsgeladen. Vor allem in Deutschland ist er eher negativ konnotiert. Es dominieren Sorgen um Jobverlust, eskalierenden Energieverbrauch und einen Orwell‘schen Überwachungsstaat. Und das, so Professor Dr. Marcus Vetter, Gründer und Leiter des Instituts für „Applied Artificial Intelligence and Robotics“ (A2IR) an der Technischen Hochschule Mannheim, sei auch nicht unbegründet. Doch dabei gerieten die Chancen und Möglichkeiten zu oft unter den Tisch.
Tun bedeutet Risiko, Nichtstun aber auch. Vetter, der sich seit seiner Promotion in den Jahren 1999 bis 2003 mit Robotik und KI beschäftigt, wünscht sich daher eine Art Fokusverschiebung. Risiken und Gefahren sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden. Aber die Chancen müssten endlich stärker in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Die gelingende Moderne, daran lässt er keinen Zweifel, entscheide sich am Umgang mit diesen wenigen Schlüsseltechnologien. Dabei sei das Land aus seiner Sicht für die Moderne gut gerüstet. „Gerade wir hier im Südwesten haben doch starke Wurzeln für technologisches Know-how und wirtschaftliche Innovationen.“
Technik nur mit dem Menschen
Neben der eigenen technischen Forschung ist Vetter auch die Berücksichtigung sozialer, ökonomischer und ethischer Aspekte wichtig. Das Implementieren von Technik funktioniert nie wirklich ohne oder gar gegen den Menschen, sondern nur mit ihm. Gerade im Bereich Pflege, in dem Vetter mit seiner Forschung tätig ist, sei das Planen mit den Menschen von eminenter Bedeutung.
Mit seinem Team und einem humanoiden Roboter namens Florence erforscht er derzeit die Einsatzmöglichkeiten von Robotern in der Pflege. Dabei gehe es nicht um das Verdrängen menschlicher Arbeitskraft. „Ganz im Gegenteil, es geht um Unterstützung, Entlastung sowie um den Raum und die Zeit, sich auf das wirklich Wichtige konzentrieren zu können.“ Er denkt zum Beispiel an Roboter, die verschiedene Sprachen beherrschen und bei Verständigungsschwierigkeiten dolmetschend helfen können, an Roboter, die eine Tasse Kaffee ans Bett bringen, oder im Operationssaal erkennen, wenn Operationswerkzeuge nicht steril sind.
Es gebe unzählige Einsatzmöglichkeiten, die nicht Arbeitskraft ersetzen, sondern gezielt entlasten. Wichtig sei dabei, dass die Systeme klug und umsichtig agieren. „Roboter müssen zukünftig komplexe Aufgaben verstehen und ihr soziales Umfeld lesen lernen.“ Vetter spricht von empathieähnlichen Fähigkeiten, die humanoide Systeme erlernen müssten. Dafür müssten sie in Echtzeit soziale Gegebenheiten erfassen und entsprechend rücksichtsvoll reagieren. Heißt: „Florence“ muss auch nonverbale Signale wie Mimik oder Körpersprache verstehen lernen, damit sich Menschen wohlfühlen. Es gehe nicht um Vermenschlichung, sondern eher darum zu verhindern, dass die Anwesenheit von Robotern als störender Fremdkörper empfunden wird. Wichtig sei, so Vetter, dass der Roboter lernt, wann er Abstand zu halten hat.
Wer mitgestaltet, gewinnt
Und hier dreht sich das Gespräch wieder um das große Ganze. Die Technik, davon ist Vetter überzeugt, wird sich nicht aufhalten lassen. Entscheidend werde daher die Frage sein, wer an welcher Stelle im Spiel steht — und damit Einfluss auf die Ausgestaltung nehmen kann. Wenig hilfreich sei dabei die deutsche Angewohnheit, sich vor allem auf die Problemseite zu konzentrieren.

Ein Tänzchen gefällig?
Die Probleme gibt es, und sie sind teils groß. Von der steigenden Energienachfrage über den Datenschutz bis hin zu den Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt stehen der Menschheit große Herausforderungen bevor. Doch diese lassen sich nur bewältigen, wenn man aktiv am Spiel teilnimmt, sich intensiv mit der Entwicklung von KI und Robotik beschäftigt und auch die großen Chancen in den Blick nimmt.
Roboter als Antwort auf den Fachkräftemangel
Eine dieser Chancen firmiert unter dem Dach des demografischen Wandels. Eine aktuelle Schätzung des Fachkräftemonitorings des Bundesarbeitsministeriums geht davon aus, dass bis 2029, also in gerade einmal wenigen Jahren, rund 440.000 Arbeitskräfte trotz Zuwanderung und stärkerer Einbindung der Bevölkerung fehlen werden. Genau hier könnten humanoide Roboter durchaus in die Lücke stoßen und sich für die deutsche Wirtschaft als Segen erweisen.
Dazu müssten die Forschungsanstrengungen allerdings massiv gesteigert werden. Für die kommenden fünf Jahre wünscht sich Vetter dafür drei Dinge.
Was jetzt geschehen muss
Erstens müssten die Energiepreise sinken. Wichtig sei das, weil das Training von KI viel Energie brauche. Die momentanen Energiepreise würden das Entwickeln und Trainieren von KI-Systemen in Deutschland massiv erschweren, wenn nicht gar verhindern. Wie genau das geschehen solle, wisse er nicht. „Ich bin kein Energiewissenschaftler.“ Aber der derzeitige Kurs bei Windkraft, Solarenergie, Netzausbau und Speichermedien scheint ihm nicht ausreichend zu sein — jedenfalls nicht angesichts des erwartbar wachsenden Energieverbrauchs durch Elektromobilität, Wärmepumpen und immer mehr Rechenzentren.
Erstens müssten die Energiepreise runter. Wichtig sei das, weil das Training der KI viel Energie brauche. Die momentanen Energiepreise würden das Entwickeln und Training von KI-Systemen in Deutschland komplett verhindern. Wie genau das von statten gehe soll, weiß er nicht. „Ich bin kein Energiewissenschaftler.“ Aber der derzeitige Kurs rund um Wind, Sonne, Netzausbau und Speichermedien scheint ihm nicht ausreichend zu sein. Nicht bei dem erwarteten wachsenden Energieverbrauch rund um Elektromobilität, Wärmepumpen und immer mehr Rechenzentren (Cloud).

„Florence“ trägt ein Tablett.
Zweitens wünscht er sich gezielte staatliche Investitionen, die im besten Fall private Investitionen auslösen. Und zwar in einer Größenordnung, die einem Sondervermögen durchaus nahekäme. Drittens gehe es auch um eine Mentalitätsfrage. Wünschenswert wäre ein Duo aus Offenheit gegenüber Innovationen und Neugier auf die Zukunft.
Ja, es gebe Risiken, und Menschen würden vor Herausforderungen gestellt. Robotik und KI als disruptiv zu bezeichnen, sei nicht falsch. „Es wird massive Veränderungen geben.“ Aber Vetter ist tief davon überzeugt, dass sie bewältigbar sind. Auch weil es einen Sozialstaat gibt, der den Menschen helfen könne, diese Übergangszeit zu überstehen. „Das ist doch eigentlich genau seine Funktion.“ Natürlich müsse man in diesem Zusammenhang auch über eine Stärkung des Sozialstaats nachdenken. Für ihn ist ein Sozialstaat, dem die Menschen vertrauen, eines der Fundamente für eine gelingende Zukunft.
Die größere Gefahr liegt im Nichtstun
Diese Zukunft hält Herausforderungen bereit, aber eben auch Chancen, an die heute vielleicht noch niemand denkt. Und es sei keineswegs ausgeschlossen, dass es eine Zukunft sein könnte, die das Versprechen einlöst: Es wird besser.
Zu Beginn sagte Vetter, dass das Tun Risiken mit sich bringe. Aber das Nichtstun eben auch — und vielleicht werde die Gefahr dadurch sogar noch größer. Nur Konsument zu sein, vergrößere jedenfalls die Gefahr, am Ende zum Spielball von Mächten zu werden, denen Europa dann nichts mehr entgegenzusetzen hat.

Professor Dr. Marcus Vetter von der TH Mannheim. Alle Bilder: TH Mannheim
Zur Person
- Professor Dr. Marcus Vetter (Jahrgang 1973) Gründer und Leiter des Institute for Applied Artificial Intelligence and Robotics (A²IR) an der Technischen Hochschule Mannheim.
- Nach dem Abschluss der Technischen Informatik in Mannheim 1999 promovierte er 2003 an der Universität Heidelberg mit Auszeichnung im Bereich bildgestützte Navigationssysteme. Anschließend arbeitete er als Gruppenleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum und war am Aufbau des Graduiertenkollegs „Intelligente Chirurgie“ beteiligt. Außerdem konzipierte er 2008 den Studiengang Medizintechnik an der Hochschule Mannheim und leitete ihn bis 2014 als Studiendekan. Seine Fachgebiete umfassen Deep Learning, eingebettete Systeme, Echtzeit-Computersysteme sowie Softwareentwicklungsmethoden im Bereich der Medizintechnik, in denen er durch seine Forschung und Lehre zur Weiterentwicklung des Feldes beiträgt.
